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„Die Grüne Fee“ zwischen Rausch, Kunst und Klosterkräutern

 


Ein bitteres Wiedersehen

Ich habe bereits früher über Wermut geschrieben – über seine Rolle als Aperitif, als Cocktail-Zutat, als stilvolles Getränk mit einer gewissen Bitterkeit. Doch dieses Mal möchte ich tiefer gehen. Ich will nicht über den Geschmack sprechen, sondern über die Geschichte der Pflanze, über ihre mythische Aura, ihre medizinische, erotische und künstlerische Reise durch die Jahrhunderte.

Denn Wermut ist mehr als eine Zutat in einem Glas Martini. Er ist ein kulturelles Symbol, ein Spiegel von Lust, Kontrolle, Wahnsinn und Inspiration. Vom mittelalterlichen Klostergarten bis zu den verrauchten Pariser Cafés, von Nonnen zu Nihilisten, von Hildegard von Bingen bis Oscar Wilde – diese Pflanze hat Welten bewegt.

In diesem Artikel lade ich euch ein, gemeinsam mit mir der Spur der „Grünen Fee“ zu folgen: bitter, betörend, berauschend.

1. Wer hat den Wermut verlobt? – Eine kurze Geschichte der Bitterkeit

Wermut – vom althochdeutschen wermuota („der Gesunde Mut“) – ist mehr als ein bitterer Aperitif. Er ist ein Symbol, eine kulturelle Chiffre, eine Droge der Dichter und Denker, der Nonnen und Nächte. Seine Ursprünge reichen bis in die Antike zurück: Als Heilwein mit Beigaben wie Beifuß, Anis, Fenchel und vor allem Artemisia absinthium – dem sagenumwobenen Wermutkraut.

Im 18. Jahrhundert wird in der Westschweiz der erste „moderne“ Absinthe destilliert – später perfektioniert in Frankreich und Italien. Doch mehr als nur eine Spirituose, wurde Wermut bald ein Lebensgefühl – eine Art geheimnisvolle Verlobung zwischen Natur, Kunst und Dekadenz.


2. Hildegard von Bingen und die sedierende Kraft der Kräuter

Bereits im Mittelalter erkannte Hildegard von Bingen – Benediktinerin, Mystikerin und Universalgelehrte – die Wirkung des Wermutkrauts. In ihren medizinischen Schriften beschrieb sie die Pflanze als heiß, bitter, reinigend – doch auch gefährlich. Wermut sollte das „überschüssige Blut“ kühlen, das mit sexueller Begierde in Verbindung gebracht wurde.

In den Klöstern wurde der Wermut daher oft als „sexuelles Sedativ“ eingesetzt – eine Art pflanzliche Kontrolle über das Begehren. Nicht zufällig wurde er Frauen, insbesondere Nonnen, verabreicht, um die „fleischliche Versuchung“ zu zähmen. Der bitter-heilige Beigeschmack blieb dem Getränk bis heute erhalten.


3. Die Grüne Fee – Wermut und Absinthe als Droge der Bohème

Im 19. Jahrhundert feiert der Absinthe seinen triumphalen – und fatalen – Aufstieg in den Salons, Ateliers und Cafés von Paris, Zürich und Wien. „La Fée Verte“, die grüne Fee, wurde zur Muse der Moderne. Mit ihrer leuchtenden Farbe, ihrer geheimnisvollen Zubereitung und ihren halluzinogenen Effekten wurde sie zur Droge der Künstler, Rebellen und Visionäre.

Berühmte Absinth-Trinker:

  • Charles Baudelaire – suchte im Absinth den „künstlichen Himmel“

  • Arthur Rimbaud & Paul Verlaine – Liebende und Getriebene im Dunst der grünen Fee

  • Vincent van Gogh – soll unter Absinth-Einfluss sein Ohr abgeschnitten haben

  • Oscar Wilde – sprach von „Engeln, die in grünem Licht tanzen“

Absinthe war kein gewöhnliches Getränk. Es war eine Substanz, ein Ritual, ein ästhetischer Akt. Es erlaubte das Träumen mit offenen Augen – und das Zerfallen der Grenzen zwischen Realität und Fantasie.


4. Die „Grüne Stunde“ – wenn Paris grün wurde

Zwischen 17:00 und 19:00 Uhr begann in den Cafés Montmartres die berühmte „Grüne Stunde“ (l’heure verte). Dann strömten Poeten, Maler, Huren, Dandys und Müßiggänger zusammen, um das Ritual zu zelebrieren:

  1. Ein Schuss Absinthe ins Glas

  2. Eine spezielle Löffelauflage mit einem Zuckerwürfel

  3. Kaltes Wasser tröpfelte langsam darüber

  4. Der klare Absinthe verwandelte sich in eine milchig-grüne „Louche“ – fast wie Nebel oder Opium im Glas

In dieser Stunde entstanden Gedichte, Affären, Wahnsinn und Meisterwerke.


5. Dämonisierung, Verbot – und Wiedergeburt

Um 1915 wurde Absinthe in Frankreich, der Schweiz und den USA verboten – angeblich verantwortlich für Wahnsinn, Gewalt und körperlichen Verfall. Die Grüne Fee wurde zur Dämonin erklärt, eine Muse, die zu viel gab – und zu viel nahm.

Doch seit den 2000er Jahren erlebt sie eine Renaissance. Neue Abfüllungen, legale Rezepturen und ein Hauch nostalgischer Romantik machen Wermut und Absinthe wieder modern – diesmal mit Respekt vor der Vergangenheit.


Fazit: Zwischen Kloster und Kabarett

Wermut – ob als heiliger Trank der Nonnen oder sündige Droge der Bohème – ist ein Symbol der Ambivalenz: bitter und süß, heilend und zerstörerisch, göttlich und gefährlich. Die Grüne Fee tanzt weiter – zwischen den Zeilen der Lyrik, in den Schatten der Nacht und in jedem Glas, das mehr als nur betrunken macht.

Weinraute – Die starke Pflanze mit zarter Seele

Weinraute (Ruta graveolens)

Es gibt Pflanzen, die einem schon beim ersten Kontakt das Gefühl geben, dass sie mehr sind als nur Kräuter im Garten. Für mich ist die Weinraute (Ruta graveolens) genau so eine Pflanze. Stark im Duft, fast schroff im Wesen – und doch eine alte Heilerin mit einer tiefen, schützenden Energie.

Schon in der Antike wurde sie von Dioskurides beschrieben – als eine Pflanze mit großem Heilpotenzial. Ihr bitterer Geschmack und ihr intensives Aroma täuschen nicht: Diese Pflanze will nicht jedem gefallen. Aber wer sich auf sie einlässt, spürt schnell ihre Wirkung.

 Wofür wurde Weinraute früher verwendet?

In De Materia Medica schreibt Dioskurides, dass Weinraute vielseitig einsetzbar ist:

  • Sie stärkt das Herz und beruhigt die Nerven

  • Fördert die Verdauung

  • Hilft bei Menstruationsbeschwerden

  • Gilt als Gegengift bei Schlangenbissen

  • Wurde sogar zur Stärkung der Sehkraft empfohlen

Auch in Klostergärten war sie beliebt – nicht zuletzt, weil man glaubte, sie könne negative Einflüsse fernhalten. Manche trugen sie als Schutz-Amulett.

Persönliche Verbindung

Ich habe die Weinraute vor Jahren in einem alten Garten entdeckt. Ihr Geruch war mir erst fremd – fast unangenehm. Doch ich habe gelernt, dass genau darin ihre Kraft liegt: Sie zeigt klar ihre Grenzen und wirkt doch heilend, wenn man sie mit Respekt behandelt. Eine Pflanze für Menschen, die lernen, ihre eigene Stärke zu achten.

Ein Hauch Magie

In der Volksmagie galt die Weinraute als schützende Pflanze – gegen den „bösen Blick“ und andere energetische Störungen. Vielleicht liegt ihre Wirkung weniger im Physischen und mehr im Seelischen?

 Fazit

Die Weinraute ist keine Pflanze für jedermann. Aber für jene, die bereit sind, ihr zuzuhören, kann sie eine tiefgreifende Begleiterin sein. Eine Grenzgängerin zwischen Heilung und Schutz – genau wie viele Frauen in der Pflanzenheilkunde früherer Zeiten.

Lindenbaum – Heilpflanze, Herztröster und Symbol der Gemeinschaft

 

Lindenbaum


Es gibt Bäume, an denen geht man nicht einfach vorbei. Sie halten einen irgendwie fest – mit ihrer Präsenz, ihrem Duft, ihrer stillen Würde. Für mich ist der Lindenbaum so ein Baum. Wenn ich an ihm vorbeigehe, spüre ich eine Art Geborgenheit. Als würde er etwas wissen, was wir vergessen haben.

Der Teebaum – oder Lindenbaum, wie wir ihn nennen – ist in Mitteleuropa seit Jahrhunderten ein treuer Begleiter des Menschen. Oft stand er in der Mitte von Dörfern, als Gerichtsbaum, Tanzbaum oder Schutzbaum. Unter seinen Ästen wurde gefeiert, geheiratet, getrauert. Kein Wunder, dass man ihm so viel Bedeutung zugemessen hat – sein Duft allein berührt etwas Tiefes in uns.

Heilkräfte, die das Herz ansprechen

Die Blüten des Lindenbaums sind mehr als nur schön – sie sind ein Geschenk. In meiner Kindheit war Lindenblütentee das Mittel meiner Mutter gegen jede Erkältung. Sanft schweißtreibend, beruhigend, schleimlösend. Damals wusste ich noch nicht, dass diese zarten Blüten auch das Herz beruhigen können – auf eine feine, fast seelische Weise. In stressigen Zeiten ist ein Tee aus Lindenblüten für mich wie eine Umarmung.

Die Rinde und das Holz des Lindenbaums wurden früher ebenfalls genutzt – sei es für Schnitzarbeiten oder in der Volksmedizin als Umschläge bei Entzündungen. Der Baum schenkt also auf vielen Ebenen – und das ohne große Ansprüche zu stellen.

Ein Baum der Gemeinschaft

Was mich am Lindenbaum am meisten berührt, ist seine Verbindung zum Miteinander. In alten Zeiten pflanzte man oft eine Linde zur Geburt eines Kindes oder zum Gedenken an Verstorbene. Sie war ein Symbol für das Leben selbst – mit all seinen Zyklen. Und ich frage mich oft, ob wir heute wieder mehr solche lebendigen Zeichen brauchen.

Wenn ich durch den Wald gehe und wir an einer alten Linde stehenbleiben, erzähle ich ihm diese Geschichten. Dass Bäume früher Freunde waren. Dass sie nicht nur Schatten geben, sondern auch Schutz, Trost und manchmal sogar Antworten.

Fazit

Der Lindenbaum ist für mich nicht nur eine Heilpflanze – er ist ein Lehrer. Einer, der leise spricht, aber tief wirkt. Vielleicht erinnert er uns daran, langsamer zu gehen, tiefer zu atmen und uns wieder zu verbinden – mit uns selbst, mit anderen, mit der Natur.

Andorn – Der bittere Freund mit heilender Seele

Andorn (Marrubium vulgare)

Nicht jede Pflanze schmeckt süß oder verströmt einen angenehmen Duft. Manche, wie der Andorn, sind durch ihre Bitterkeit besonders wertvoll. Schon seit vielen Jahrhunderten wird der Andorn wegen seiner starken Wirkung für Körper und Geist geschätzt.

Geschichte und Nutzung in der Heilkunst

Der Andorn ist eine alte Heilpflanze, die bereits im Mittelalter in den Klostergärten der Benediktiner angebaut wurde. Diese Klostergärten waren Orte, an denen Heilkräuter gepflegt und erforscht wurden. Hildegard von Bingen, eine berühmte Heilerin und Mystikerin, empfahl den Andorn besonders gegen Husten, zur Förderung der Verdauung und zur inneren Reinigung.

Auch in der Volksmedizin wurde der Andorn bei Erkältungen, Magenbeschwerden und zur Beruhigung eingesetzt. Seine bittere Wirkung regt den Stoffwechsel an und hilft, körperliche und seelische Belastungen abzubauen.

Spirituelle Bedeutung des Andorns

Der Andorn wird in der Pflanzen-Spiritualität als Kräuterwesen der Wahrheit angesehen. Seine Bitterkeit steht dafür, unangenehme Wahrheiten anzunehmen und sich von alten Mustern zu befreien. Er hilft dabei, seelischen Ballast loszulassen und den eigenen Weg bewusster zu gehen.

Wichtige Bedeutungen sind:

  • Reinigung von alten Emotionen

  • Stärkung der inneren Wahrheit

  • Begleitung bei Veränderungen und Neuanfängen

  • Förderung geistiger Klarheit und Entgiftung

Andorn-Tinktur nach Hildegard von Bingen – einfach selber machen

Du brauchst:

  • 1 Handvoll frischen oder getrockneten Andorn (Blätter und Blüten)

  • Ca. 100 ml klaren Alkohol (mindestens 40 %, z. B. Korn oder Wodka)

  • Ein Schraubglas

  • Eine dunkle Flasche zur Aufbewahrung

So funktioniert es:

  1. Andorn in das Schraubglas geben.

  2. Mit Alkohol übergießen, bis alles bedeckt ist.

  3. Glas verschließen und 3–4 Wochen an einem dunklen Ort ziehen lassen.

  4. Täglich leicht schütteln.

  5. Nach der Ziehzeit abseihen und in die dunkle Flasche füllen.

Anwendung:

  • Innerlich: 10–15 Tropfen vor dem Essen mit Wasser zur Unterstützung der Verdauung und Reinigung.

  • Spirituell: 1 Tropfen abends unter die Zunge für mehr seelische Klarheit.

Affirmation: „Ich lasse los, was mir nicht mehr dient.“

Ein letzter Gedanke:
Der Andorn ist wie ein ehrlicher Freund – er schmeckt bitter, sagt aber die Wahrheit. Manchmal braucht es genau diese Bitterkeit, um Heilung zu finden. In seiner Kraft öffnet sich der süße Weg der Seele, wie Hildegard von Bingen es beschrieben hat.

Quellen:

  • Hildegard von Bingen: Physica

  • Dioskurides: De Materia Medica

  • Maria Treben: Heilpflanzenbuch

  • Ingrid und Peter Schönfelder: Das neue Handbuch der Heilpflanzen

  • Universität Würzburg – Kräuterdatenbank


Die Pflanze hinter dem Bier, die unsere Nerven versteht

Humulus Lupulus Ich bin keine Biertrinkerin. Das war ich nie, aber wenn es draußen sehr heiß ist, trinke ich gern ein kleines Bier auf ex. ....