Über vergessenes Klosterwissen, verborgene Herbariumsseiten und das Schweigen um visionäre Pflanzen
Es hat zu allen Zeiten Pflanzen gegeben, über die man nicht auf dem Marktplatz sprach. Nicht, weil sie selten gewesen wären, sondern weil sie nur jenen bekannt waren, die das Schweigen kannten. Pflanzen, die man nicht beiläufig sammelte, nicht in alltägliche Tees mischte und nicht jedem empfahl. Sie heilten nicht nur den Körper, sondern berührten etwas Schwererfassbares – den Traum, die Schwelle zwischen den Welten, jene inneren Bilder, die erscheinen, wenn die Augen geschlossen sind, der Geist aber wach bleibt.
Im alten Europa, lange bevor Handschriften bereinigt und Sprache gezähmt wurde, gehörten diese Pflanzen zu einem stillen Wissen. Die Kräuterfrauen kannten sie, die Dorfheiler ebenso, und – was heute oft vergessen wird – auch manche Mönche. Nicht als Tore zum Rausch, sondern als Wesen von großer Kraft, die Maß, Fasten und innere Vorbereitung verlangten.
Die Alraune mit ihrer fast menschlichen Wurzel galt als Schwellenpflanze. Sie wurde selten verwendet, und wenn, dann mit Vorsicht und Respekt. Das Bilsenkraut, schwer im Geruch und eigenwillig in seiner Wirkung auf den Traum, taucht in frühen Herbariumschriften oft ohne ausführliche Erklärung auf – als hätten die Schreiber gewusst, dass nicht alles ausgesprochen werden darf. Und Artemisia, der Beifuß, die Pflanze der Übergänge und des Traumes, wurde geduldet, aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Man sprach von Verdauung, von Schutz, von Frauenleiden – doch über das, was sie in langen Nächten mit dem Schlaf tat, schwieg man.
Mit der Zeit werden diese Beschreibungen dünner. Die Pflanzen verschwinden nicht aus der Natur, sondern aus der Sprache. Sie bleiben, doch ihre Bedeutung wird reduziert, ihre Tiefe verschwiegen.
Träume im Kloster – bevor sie gezähmt wurden
In der frühen monastischen Tradition war der Traum kein nebensächliches Phänomen. Die ersten Mönche wussten, dass der Traum ein verletzlicher Raum ist – aber auch ein Ort der Offenbarung. Die Heiligen Schriften waren voller Träume: warnende Träume, richtungsweisende Träume, Träume, die Schicksale veränderten. Eine feste Dogmatik existierte noch nicht. Stattdessen gab es die Kunst der Unterscheidung, das feine Gespür dafür, ob ein Traum aus Unruhe oder aus innerer Klarheit geboren war.
Einige Mönche führten Traumaufzeichnungen, nicht zur Analyse, sondern zur Selbstbeobachtung. Ein unruhiger Traum galt als Zeichen innerer Disharmonie, ein klarer Traum als Spiegel eines geordneten Seelenzustands.
In diesem Kontext waren Pflanzen, die den Schlaf beeinflussten, nichts Fremdes. Sie wurden nicht genutzt, um Visionen zu erzwingen, sondern um die innere Stille zu vertiefen. Doch genau hier verlief eine unsichtbare Grenze. Denn wo der Traum zu lebendig, zu persönlich, zu unmittelbar wird, entzieht er sich der Kontrolle. Offenbarung ohne Vermittlung wurde problematisch.
So begann die allmähliche Zähmung des Traumes. Man sprach zunehmend von Gefahr, von Täuschung, von falschen Einflüssen. Pflanzen, die diesen Raum „zu stark“ berührten, wurden nicht mehr empfohlen. Sie wurden nicht ausdrücklich verboten – aber sie verschwanden aus dem offenen Diskurs. Das Schweigen wurde zur Schutzmaßnahme. Oder zur Zensur.
Die vergessenen Pflanzen der mittelalterlichen Herbariumsseiten
Wer mittelalterliche Herbariumschriften aufmerksam liest, bemerkt etwas Eigenartiges. Manche Pflanzen werden mit außergewöhnlicher Sorgfalt beschrieben, andere erscheinen fast schemenhaft, ohne Tiefe, ohne Kontext, ohne Geschichte. Als hätten die Schreiber bewusst Lücken gelassen.
Es gibt Pflanzen, die nur einmal erwähnt werden und danach nie wieder auftauchen. Randnotizen sprechen von „starker Wirkung“, ohne Erklärung. Warnungen bleiben vage. Diese Leerstellen sind keine Zufälle. Sie sind Spuren eines Wissens, das nicht verloren ging, sondern zurückgezogen wurde.
Während Europa lernte, dem zu misstrauen, was sich nicht kontrollieren ließ, bewahrten andere Kulturen dieselbe Beziehung zu den Pflanzen – ohne Angst.
Der Amazonas und das Wissen, das nicht verstummte
Im Amazonasgebiet wurden Pflanzen mit DMT-haltiger Wirkung niemals aus ihrem Zusammenhang gerissen. Sie wurden nicht isoliert, nicht analysiert, nicht von ihrem rituellen Rahmen getrennt. Sie blieben eingebettet in Vorbereitung, Stille, Beziehung.
Dort empfand man keine Notwendigkeit, sie zu verbergen, weil sie keine zentrale Offenbarungsautorität bedrohten. Die Pflanze sprach nicht über den Schamanen hinweg, nicht gegen die Gemeinschaft – sie sprach durch sie.
Der Unterschied liegt nicht in der Substanz, sondern in der Haltung. In Europa wurde die Fähigkeit der Pflanzen, innere Tore zu öffnen, verdächtig. Im Amazonas blieb sie heilig.
Nicht DMT ist das Problem, sondern die Frage, die es stellt: Wenn die Natur direkt zum Menschen sprechen kann – was geschieht dann mit der Autorität?
Die pflanzliche Erinnerung
Die Pflanzen selbst haben nichts vergessen. Sie kennen keine Verbote, keine Dogmen, keine Epochen. Sie wachsen unverändert weiter. Verloren ging nicht die Substanz, sondern der Mut zuzuhören.
Die Klöster wählten das Schweigen. Der Amazonas wählte die Kontinuität. Asien wählte das Gleichgewicht. Die moderne Welt wählte die Analyse.
Doch irgendwo zwischen Traum und Gebet, zwischen Blatt und Manuskript, existiert noch immer ein Wissen, das nicht gelehrt, sondern erkannt wird.
Das ist die pflanzliche Erinnerung.
Und sie verlangt nicht genutzt zu werden – nur erinnert.
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Inspiration & Quellen
– Mittelalterliche europäische Herbariumschriften (12.–15. Jh.)
– Frühe monastische Texte über Traum und geistige Unterscheidung
– Ethnobotanische Studien aus dem Amazonasgebiet
– Überlieferungen zu sogenannten „lehrenden Pflanzen“

Der Beifuß führt sehr klare Träume herbei, sowie auch der heilige Fliegenpilz.
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